Wien – Die Arbeitsgemeinschaft Klinische Ernährung (AKE) hat im Rahmen ihrer Jahrestagung die dringende Notwendigkeit struktureller Reformen in der medizinischen Ernährungstherapie betont. Zwei zentrale Veranstaltungen – die Satellitenveranstaltung der AUSTROMED Branchengruppe Klinische Ernährung und die Diskussion im Rahmen der Malnutrition Awareness Week – machten deutlich: Österreich steht vor erheblichen Herausforderungen bei der Versorgung von Patientinnen und Patienten mit krankheitsbedingter Mangelernährung. Ein Problem, dass im Rahmen des demographischen Wandels und der Überalterung der Bevölkerung weiter zunehmen wird.
Ernährungstherapie: unverzichtbar, aber unzureichend umgesetzt
Obwohl die Ernährungstherapie wissenschaftlich etabliert und klinisch wirksam ist, zeigen die Erfahrungen von Betroffenen und Fachleuten gravierende Lücken in der Versorgungskette. Besonders kritisch ist der Übergang vom Krankenhaus in den extramuralen Bereich: Fehlende Schnittstellen, unklare Zuständigkeiten und komplexe Bewilligungsprozesse erschweren eine kontinuierliche Therapie. Gleichzeitig kann eine extramural durchgeführte Ernährungstherapie sowohl Kosten senken durch weniger Krankenhausaufenthalte als auch den Patientinnen und Patienten einen Alltag in ihrem häuslichen Umfeld ermöglichen.
Prim. Univ. Prof. Dr. Felix Keil, Vorsitzender des AKE-Vorstandes, brachte es auf den Punkt:
„Der Übergang vom Krankenhaus nach Hause ist ein kritischer Punkt. Viele Patientinnen und Patienten fallen aus einem eng strukturierten Setting in ein Versorgungsvakuum.“
Patientenperspektive und Praxisrealität
Die Berichte von Betroffenen verdeutlichen, wie fragil die extramurale Versorgung ist. Während digitale Kommunikation und engagierte Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner eine stabile Betreuung ermöglichen können, bleibt die Abhängigkeit von Einzelinitiativen groß. Fachleute kritisieren zudem die mangelnde Umsetzung von Ernährungsscreenings und Assessments, obwohl internationale medizinische Leitlinien klare Vorgaben liefern. Die Folgen von Mangelernährung sind gravierend: Muskelabbau, Gebrechlichkeit, eingeschränkte Mobilität, längere Krankenhausaufenthalte, schlechtere Therapieaussichten bei Krankheiten und eine deutlich verkürzte Lebenserwartung. Studien zeigen zudem, dass die Behandlungskosten für mangelernährte Patientinnen und Patienten um bis zu 38 % höher liegen als bei gut ernährten Personen.
Bürokratie und veraltete Strukturen hemmen moderne Therapiemöglichkeiten
Ein dominierendes Thema war die Komplexität der Bewilligungsprozesse für enterale und parenterale Ernährung im extramuralen Bereich. Unterschiedliche Kriterien zwischen Bundesländern und Versicherungsträgern, kurze Bewilligungsintervalle und fehlende Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner führen zu Verzögerungen, Frustration und nicht nachvollziehbaren Ablehnungen von Verordnungen. Die juristische Analyse zeigte: Die relevanten Kategorien des Sozialversicherungsrechts stammen aus den 1950er-Jahren. Ernährungstherapie ist darin nicht klar definiert, was zu heterogenen Entscheidungen führt. Einigkeit herrschte darüber, dass verbindliche Kriterien und klare Standards im Rahmen von Reformen zwingend notwendig sind.
Kernforderungen der Expertinnen und Experten
Die Diskussionen im Rahmen der AKE-Herbsttagung führten zu einem breiten Konsens über notwendige Maßnahmen:
- Einheitliche, österreichweite Bewilligungskriterien für enterale und parenterale Ernährungstherapie.
- Verpflichtende Screenings und Dokumentation von Basisdaten wie Gewicht, Gewichtsverlauf und funktionellen Parametern als erstattungsfähige Leistung.
- Standardisierte Entlassungsprozesse und extramurale Versorgungspfade, um nahtlose Übergänge sicherzustellen.
- Interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Kliniken, niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte Diätologinnen und Dialoge und Sozialversicherungsträgern.
Internationale Beispiele wie die Niederlande zeigen, dass regulatorische Maßnahmen die Versorgungsqualität deutlich verbessern können und gleichzeitig kostendämpfend wirken können. Auch die rechtliche Dimension wurde beleuchtet: Veraltete Gesetzestexte erschweren die Integration moderner Therapieformen in Österreich, während klare medizinische Standards eine zentrale Rolle bei der Bewilligung von Ernährungstherapie spielen sollten.
Appell an Politik, Gesundheitseinrichtungen und Fachgesellschaften
Die Expertinnen und Experten sind sich einig: Ernährungstherapie ist Medizin und muss als solche behandelt werden. Neben strukturellen Reformen braucht es eine breite Awareness-Kampagne, um die Bedeutung der Ernährungstherapie in allen medizinischen Disziplinen zu verankern und um auf das unterschätze Problem der Mangelernährung aufmerksam zu machen.
Die AKE-Jahrestagung 2025 hat gezeigt: Die Expertise ist vorhanden, die Bereitschaft ebenfalls. Jetzt gilt es, verbindliche Strukturen zu schaffen, damit mangelernährte Patientinnen und Patienten nicht länger im Übergang zwischen intra- und extramuraler Versorgung allein gelassen werden.
Politik, Gesundheitseinrichtungen und Gesellschaft sind gleichermaßen gefordert, um die diversen Herausforderungen durch Mangelernährung nachhaltig zu bewältigen. Nur durch gemeinsame Anstrengungen und gezielte Maßnahmen kann die Lebensqualität und der klinische Verlauf betroffener Menschen verbessert und das Gesundheitssystem entlastet werden.